So ist Denis Villeneuves „Dune: Part Two“ im Kino

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Wer ist hier böse? Paul (Timothée Chalamet) gegen Feyd-Rautha (Austin Butler)

Hätten die Leser Frank Herberts ersten „Dune“-Roman seinerzeit so aufgenommen, wie es der Autor beabsichtigte, wäre der zweite Teil ein anderes Buch geworden. Doch sie lasen die Geschichte von Paul Atreides als genretypische Heldenreise: Ein hochgeborener Jüngling entkommt den grässlichen Bösewichten, die sein gesamtes Geschlecht auslöschen, verbündet sich mit dem unterdrückten Naturvolk und führt es in den Befreiungskrieg gegen die gemeinsamen Peiniger.

Bloß war das nicht die Geschichte, die Herbert hatte erzählen wollen. Deshalb schrieb er sein zweites Buch als Abrechnung, die keinen Zweifel mehr daran lassen sollte, dass sein Protagonist nicht die Lichtgestalt war, für die ihn seine Leser hielten. Denis Villeneuve hatte den Makel in der Rezeption im Sinn, als er „Dune: Part Two“, die zweite Hälfte des ersten Buches, verfilmte und darin Paul als Mann guten Willens, aber schwachen Wesens zeichnete, berauscht von der Verführung der Macht – und einer psychotropen Droge.

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Religiöse Verführerin: Pauls Mutter Lady Jessica (Rebecca Ferguson)

Die Fremen sehen in ihm den Propheten

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So schön kann das Böse sein: Feyd-Rautha (Austin Butler) und Lady Margot (Lea Seydoux)

Die von Herbert entworfene und von Villeneuve mit Jon Spaihts und Craig Mazin als Drehbuchautoren adaptierte Welt ist komplex, aber strikt geordnet: Im elften Jahrtausend nach Gründung der Raumfahrergilde (Christus interessiert nicht mehr, der ist noch viel länger tot) ist der Feudalismus zurück, und Adelshäuser herrschen über die Planeten als Lehen eines Imperators (Christopher Walken). Denkende Maschinen – Künstliche Intelligenz jeder Art – sind seit einem Dschihad ausgerottet.

Und die Zivilisation ist abhängig von einem Gewürz („Spice“), das zugleich eine suchterzeugende Droge ist, die nur auf dem Wüstenplaneten Arrakis („Dune“) abgebaut werden kann. Denn ohne Gewürz gibt es keine interstellare Raumfahrt, erst vom Spice erhalten die Navigatoren die nahezu hellseherischen Fähigkeiten, die sie brauchen. Während die Welt also eine in jeder Hinsicht andere als die uns bekannte ist, ändert sich einiges auch zigtausend Jahre in der Zukunft nicht: Wer über den Rohstoff zum Transport verfügt, ist mächtig und unanständig reich – beutet damit aber den Planeten und dessen Bevölkerung („Fremen“) aus.

Villeneuves zweiter Teil setzt unmittelbar dort an, wo sein erster Film endete: Paul Atreides (Timothée Chalamet) und dessen Mutter Lady Jessica (Rebecca Ferguson) sind nach dem Überfall Baron Wladimir Harkonnens (Stellan Skarsgård), der seinen massigen Körper nur noch mittels Schwebehilfen bewegen kann, in die Wüste von Arrakis geflohen. Dort herrschen Sandstürme, die Metall zerfetzen, Hunderte Meter lange Sandwürmer, die alles verschlingen, was rhythmische Geräusche auf dem Wüstensand macht, und obendrein extreme Hitze. Die Fremen, die natives von Arrakis, angeführt von Stilgar (Javier Bardem), die sich an das Leben in der Wüste angepasst haben, erkennen in Paul ihren Propheten („Lisan al Gaib“), der sie ins „grüne Paradies“ führt.

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Angriff der Sandwürmer: Das Wüstenvolk der Fremen reitet auf ihnen in die Schlacht.

Der Film biegt den Inhalt zurecht

Der Film nimmt sich Zeit, auszustaffieren, wie Paul und seine Mutter die Lebensweisen der Fremen erlernen, vom Reiten auf den als Gottheiten verehrten Riesenwürmern („Shai-Hulud“) über den arrhythmischen Gang auf Wüstensand bis hin zu Überfällen auf die gewaltigen Spice-Erntemaschinen, deren In-die-Luft-Fliegen zu den schönsten Filmexplosionen schlechthin zählt (übertrumpft nur von „Zabriskie Point“). Mitten hinein ist die Liebesgeschichte des Fremen-Mädchens Chani (Zendaya) und Pauls geflochten, die sich, anders als bei Herbert und in der Umsetzung von David Lynch (1984), ebenfalls Raum zur Entfaltung nimmt, statt ihre Verbindung quasi schicksalhaft festzuschreiben.

Das für Villeneuve typisch ausschweifende Weltendesign („Blade Runner 2049“ und „Arrival“) zeichnete schon den ersten Teil der als Trilogie angelegten Reihe aus. Mit 165 Minuten Spielzeit setzt der zweite Teil noch etwas an Länge drauf. Das lässt sich als Hommage an Herbert verstehen, der seine Romane mit vergleichbar vielen Seiten voll von Beschreibungen kultureller, soziologischer und ökologischer Besonderheiten Arrakis’ füllte, ehe er sich der Handlung zuwandte.

Obgleich „Dune: Part Two“ nicht zimperlich ist, die Vorlage inhaltlich zurechtzubiegen, lebt der Film von der Umsetzung der Atmosphäre und Weltimmersion seiner Vorlage, von der Schönheit der Räume, Kostüme und Landschaften, dem Dröhnen, vom Donnern und Trommeln in Hans Zimmers Soundtrack – und jeder Vorwurf der Langatmigkeit verbietet sich schon deshalb, weil all diese Äußerlichkeiten mit Inhalt gefüllt sind: Die Verführung der Macht ist ästhetisch flankiert.

Der Schurke trägt Balenciaga

Eindrücklich entfaltet sich der Kon­trast kolossaler Erntemaschinen gegen filigrane Naturaufnahmen. Die so montierten Bildfolgen (Schnitt: Joe Walker) erschaffen rein visuell eine solche Spannung, die keiner der Dialoge für sich be­anspruchen kann. Und die Aufnahmen endloser funkelnder Dünen, der feinen Wellen im Sand, die mitunter aus­sehen wie hineingekämmt („Spaceballs“ lässt grüßen), und des sich ins Lila verfärbenden Abendhimmels verlangen eine Leinwand, die gar nicht groß genug sein kann.

Während Lynchs Ästhetik als Amalgam aus Jugendstil und Goth daherkam, das vom Eiter der Harkonnen zusammengehalten wurde, setzt „Dune: Part Two“ bei Pauls Gegenspielern auf prachtvolle Roben. Allen voran der Baron-Neffe ­Feyd-Rautha (Austin Butler), der zwar abgrundtief grausam ist, aber auch anziehend wie ein Model auf dem Balenciaga-Runway. Wer einäugig auf die faschistoiden Uniformen der Harkonnen und imperialen Truppen („Sardaukar“) verweist und meint, damit Gut und Böse auch nur bildsprachlich voneinander trennen zu können, irrt – und ist angehalten, noch einmal von vorne anzufangen: mit Blick auf die Uniformen der Atreiden.

Damit durchwirken all die in Herberts „Dune“ verwobenen Momente, die das Buch zum Klassiker seines Genres machen, auch Villeneuves Adaption und wecken mitunter brennend aktuelle Assoziationen: Sei es die Kritik am Kolonialismus auf Arrakis und an der ökologischen Ausbeutung für das Spice, die Offenlegung eines Herrschaftssystems, das nichts als Leid hervorbringt, oder die Gefahr religiösen Fanatismus und des Glaubens schlechthin. Es ist eine dankbare Konstellation unserer Zeit, dass die Fähigkeiten eines so begabten Science-Fiction-Regisseurs wie Denis Villeneuve mit dem entwickelten Stand der Computertechnik zusammenfallen, die nötig war, um Frank Herberts Ideenwelt filmisch umzusetzen.

Die von Villeneuve inszenierte antithetische Mannwerdung Pauls – zum Erlöser und Verderber gleichermaßen – schlägt auch deshalb überzeugend durch, weil der Film seine innere Zerrissenheit zwischen Rache und Ruhm, Liebe und Pflicht auf zwei Figuren verteilt, statt sie als inneren Kampf darzustellen. Während Lady Jessica als religiöse Führerin auftritt, die alles daransetzt, die Prophezeiung von Paul als Messias („Muad’-Dib“) zu propagieren, nimmt Chani die Rolle der aufgeklärten Gegenspielerin ein, die vor den Fundamentalisten warnt.

Überragend verkörpert Chalamet das zwielichtige Coming-of-Age Pauls, der zum Ende des Films beinahe nur noch brüllend auftritt – nicht trotz seiner anfänglich rehäugigen Arglosigkeit, sondern gerade weil er nun in der Lage ist, sie glaubhaft abzulegen. Denis Ville­neuves „Dune: Part Two“ macht damit aus Paul jene janusköpfige Messiasgestalt, die Herbert im Sinn hatte.

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