„In der Ukraine wird Zeit in Menschenleben gemessen“

Brüssel. Was nachlassende und ausbleibende Unterstützung in der Ukraine bedeute, lasse sich an den Frontdurchbrüchen Russlands bei Charkiw erkennen, lautet eine Erkenntnis des Westens. Daraus folgt für Nato-Militärchef Rob Bauer eine bemerkenswerte Empfehlung.

„in der ukraine wird zeit in menschenleben gemessen“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei einem Truppenbesuch im November vergangenen Jahres in der Region Charkiw.

Es ist ein für den höchsten Nato-Militär unerwarteter Rat, mit dem Admiral Rob Bauer an diesem Donnerstag das Treffen mit seinen Amtskollegen aus den 32 Mitgliedsländern im Brüsseler Hauptquartier eröffnet: Sollten diese vor die Frage gestellt werden, ob sie die Fähigkeitsziele der Nato erreichen oder der Ukraine mit Lieferungen beistehen sollen - „dann unterstützen Sie die Ukraine“, lautet die Empfehlung des Chef des Nato-Militärausschusses. Seine Begründung ist einfach: Vorräte ließen sich jederzeit wieder auffüllen, aber Verluste von ukrainischen Menschenleben seien endgültig. „Zeit wird in der Ukraine nicht in Tagen, Wochen und Monaten gerechnet, sondern in Menschenleben“, stellt Bauer fest. Und damit hat er indirekt auch westliche Fehler angesprochen: Denn die Unterstützung, die die Ukraine nötig hätte, um sich der russischen Angriffe zu erwehren, kam zuletzt zu zaghaft und zu gering.

Erst am Vorabend des hochrangigen Nato-Militärtreffens hat der britische Verteidigungsminister Grant Shapps eine klare Verbindung hergestellt: „Das ist die große Lektion aus dem, was in Charkiw passiert“, stellte Shapps fest und sprach von einem „Weckruf“. Das Vorrücken der russischen Streitkräfte in der Region Charkiw habe gezeigt, dass man sich in diesem Krieg keine Unaufmerksamkeit, keine nachlassende Unterstützung leisten könne. Die USA hätten zu lange gebraucht, um mit ihrem neuen Hilfspaket durch den Kongress zu kommen.

Von der Dramatik der Situation angesichts der russischen Frontdurchbrüche kurz nach Beginn der neuen Großoffensive zeugte nicht nur der eilige Besuch von US-Außenminister Antony Blinken in Kiew mitsamt zusätzlicher Hilfszusage über einen Wert von zwei Milliarden Dollar, sondern auch die Absage aller geplanten Reisen durch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Statt nach Portugal zu fliegen, fuhr er in die Frontgebiete. Und er bemühte sich, nach den anfänglich schockierenden Nachrichten über viele Quadratkilometer an Gebietsverlusten für Beruhigung zu sorgen. „Stand heute ist die Situation im Gebiet Charkiw insgesamt kontrollierbar, unsere Kämpfer fügen den Okkupanten spürbare Verluste zu“, berichtete Selenskyj am Donnerstag. Er berief sich dabei auf die jüngsten Lageberichte des Generalstabs und der örtlich verantwortlichen Kommandeure. Allerdings gebe es auch „Schwierigkeiten“.

Der ausbleibende Nachschub an Luftabwehrsystemen und Artilleriemunition hat das Kräfteverhältnis in der gesamten Ukraine verschoben. Nahezu ungehindert kann die russische Aufklärung die Situation im ganzen Land recherchieren und die Luftangriffe umso gezielter folgen lassen, um die Ukraine entscheidend zu schwächen. Auch das Abwehrfeuer muss immer mehr dosiert werden, weil es der Ukraine an Granaten fehlt. Von der Nachschubschwäche sind auch die Besatzungen moderner Leopard-2-Kampfpanzer betroffen, mit deren Lieferung Deutschland zunächst Begeisterung bei den ukrainischen Soldaten ausgelöst hatte. Nun fehlt es immer mehr an Munition, nimmt der Verschleiß rapide zu, sodass ihre Rolle an der Front zunehmend ausfällt.

Die ukrainischen Meldungen aus den von Russland neu besetzten Ortschaften deuten auf eine Wiederholung des Vorgehens seit Kriegsbeginn: Erschießungen von Zivilisten und andere Kriegsverbrechen. In Brüssel hielt Admiral Bauer fest, dass der von Russland als Drei-Tage-Krieg konzipierte Angriff nun bereits 813 Tage dauere. Die Ukraine habe der ganzen Welt gezeigt, dass es die Fähigkeiten zum Erfolg auf dem Schlachtfeld habe. „Da ist nichts, was sie nicht schaffen; alles was sie brauchen - ist unsere Hilfe“, unterstrich Bauer.

Das Treffen der Militärchefs der Allianz sollte ursprünglich vor allem der Umsetzung des neuen Nato-Verteidigungsplanes dienen. Dabei geht es nach Bauers Worten unter anderem darum, mehr Truppen in eine höhere Einsatzbereitschaft zu versetzen, Fähigkeiten auszubauen, Befehls- und Kontrollstrukturen anzupassen, Logistik, Wartung und Mobilität nachhaltiger zu machen und das Training zu intensivieren. Die dramatische Lage in der Ukraine schob die Feinabstimmung zu diesen Anforderungen an den Rand. Zugleich stellte der Chef des Nato-Militärausschusses mit Blick auf die Auswertung der jüngsten Großübung sichtlich zufrieden fest: „Die Nato ist stärker und einsatzbereiter als je zuvor.“ Und sie werde jeden Tag stärker.

Dazu trägt auch die Stärkung der Nordflanke bei. Mit Beifall begrüßte die Runde General Micael Bydèn, den schwedischen Militärchef, anlässlich seiner ersten Teilnahme als vollwertiges Nato-Mitglied. Mit einer in blaues Geschenkpapier verpackten Kiste ging Bauer auf Bydèn zu. Das Format hätte auf ein Buch, auf Flaschen oder Zigarren weisen können. Stattdessen packte der General eine Nato-Flagge aus. Und Bauer griff das sogleich wieder auf, verwies auf das Nato-Emblem und dessen Symbolisierung, dass alle Alliierte dem selben Kompass folgten.

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