Rammstein-Konzert in Dresden: Feuerwerk, Gottesdienst, Puppentheater

rammstein-konzert in dresden: feuerwerk, gottesdienst, puppentheater

Das erste von vier Rammstein-Konzerten in Dresden vor rund 50.000 Fans.

Nun hat sie der deutsche Staat doch noch drangekriegt! 21.55 Uhr war Schluss beim Deutschland-Auftakt von Rammsteins „European Stadium Tour 2024“. Das muss man sich mal vorstellen: Wo anderswo die Auftritte erst beginnen, trabten die Dresdner Konzertbesucher bereits wieder nach Hause, dreieinhalb Stunden schwerste Unterhaltung in den Knochen.

Das Event in der Dresdner Flutrinne, ein Open-Air-Areal in Elbnähe und Austragungsort für vier Rammstein-Abende im Mai, begann also wegen der Lärmschutzverordnung des Freistaates Sachsen schon um 18.30 Uhr – mit einem 40-minütigen Auftritt des Klavierduos Abélard. Die beiden jungen Frauen spielten ausschließlich Rammstein-Stücke und bereiteten damit bestens den Boden für die Urheberband, die eine Stunde später unter Händels „Feuerwerksmusik“ per Fahrstuhl auf die Bühne schwebte.

Um gleich am Anfang von ihm zu berichten, dem Elefanten im Raum: An der Dresdner Rinne war er nicht zu spüren. Etwa 200 Menschen hatten am Mittwochnachmittag gegen Rammstein protestiert, im Filmtheater Schauburg lief am Abend eine Veranstaltung mit dem Titel „Row Zero: Gewalt und Machtmissbrauch in der Musikindustrie“, Tage vorher hatte in der Dresdner Neustadt der Slogan „Rammstein stören“ die Runde gemacht.

Am Abend beim Konzert hält jemand das Schild „Rammstein forever“ hoch. Das Publikum ist so bunt gemischt wie wohl sonst nur bei Helene Fischer: Pärchen, Familien, Mädchengangs, sechsjährige Kinder an der Hand vom Papa. Viel Schwarz, viel Tattoo. Je martialischer die Leute aussehen, desto freundlicher sind sie. Vier Männer in Lederschürzen und blutbeschmierten Kochmützen promenieren entlang der Fressmeile, die Handbrot, Fleischspieße und Ziegenkäse in petto hält. Es hat was von Mittelalterfest.

Ganz anders die Konzertbühne, von der riesige Masten und Türme in den Himmel ragen, die direkt aus der Wüste Nevadas vom Burning-Man-Festival geklaut scheinen. Die stehen hier nicht ohne Grund: Lichtblitze werden sich in den sächsischen Himmel bohren, Flammenwerfer Feuer speien, dessen Hitze einem noch in 500 Meter Entfernung die Haut kitzelt. Vier riesige Leinwände strahlen Bühnenbilder ab, in denen permanent Aktion herrscht: Wer sich Rammstein nennt, rammt alles weg, was ihm im Weg steht. Das tut die Band auch im 30. Jahr ihres Bestehens.

Es gibt Leute, die bis heute nicht wissen, dass Rammstein aus der DDR stammen. Die Musiker mögen das vereinte Deutschland nicht sonderlich, und Deutschland schmollt zurück. Das Ausland aber liebt ihren teutonischen Krach, weltweit lernen junge Menschen unsere Sprache, um Lindemanns Texte zu verstehen und mitsingen zu können. In Sachen Kulturarbeit steht die Band dem Goethe-Institut näher, als jenem wohl lieb ist.

Rammstein liefern unbequemen Pop ab, mit dem sie den Finger tief in den Arsch der Gesellschaft stecken. Das ist auch als Konzertevent aufwendig inszeniert, provokant, vielschichtig – und immer wieder verstörend. In „Mein Teil“ tapst Lindemann wie ein angeschossener Bär in Fleischerschürze und mit einem Schlachtmesser in der Hand über die Bühne und grinst derart debil, dass sogar der Bierausschank – 6,50 Euro der Halbliter Radeberger – kurzzeitig zum Erliegen kommt. Dafür schießt die Peniskanone, nachdem sie letztes Jahr pausierte, wieder ihr Schaumbad ab; aber ehrlich, das wirkt hier mehr wie Karneval als wie Koitus. Manchmal, für Sekunden, steht Till Lindemann wie verloren auf der Bühne herum und wirkt dann wie ein kleiner Junge, der von seinem Vater an der Bushaltestelle vergessen wurde. In „Puppe“ setzt er einen riesigen, metallenen Kinderwagen in Brand. Ein Zusammenhang wäre hier konstruiert.

Apropos Kinder: Die im Publikum haben ihren vielleicht schönsten Moment, als sie „Hier kommt die Sonne!“ mitbrüllen dürfen. Da ist es 21 Uhr, und die echte Sonne versinkt gerade hinterm Rinnenrand. Wieder so ein Moment der Ironie. Ähnlich dem, als die Musiker nach dem Song „Engel“, den sie auf einer kleinen Bühne mitten in der Menge in einer zarten Klavierversion spielten, in drei Schlauchbooten auf die Hauptbühne zurückrudern.

Rammstein beherrschen das Spiel mit der Ambivalenz wie kaum eine andere Band, sie sind Reizfiguren im Theater der deutschen Wirklichkeit. Was ist Show, was echt? Was ist Provokation, was wirklich gemeint? Was ist Teil der Kostümierung, was der Mensch dahinter? Wie Helge Schneider im Jazz unterlaufen (und bedienen) sie im Metal Rock die Erwartungen – ein Künstlerkollektiv auf den Spuren von Frank Zappa und den Mothers of Invention. Und sie liefern eine volle Ladung Energie, der das Publikum ausgeliefert ist wie Naturgewalten: Donner, Blitz, Hagel, Feuer, Eis.

Auf der Bühne erledigen diesen Job auch die Farben, die sich hier in Dresden prächtig an die Dämmerung schmiegen. Jeder Song ist anders eingefärbt: blutrot in „Mein Herz brennt“, grün und silber in „Du riechst so gut“, lila in „Adieu“. Über dem Stück „Radio“ geht ein Blitzlichtgewitter nieder, bei dem die Metapher endlich mal stimmt. Wie zum Dank färbt sich der Himmel purpur, ein perfekter Halbmond erscheint und schwebt fortan lautlos über dem Spektakel.

Diese Band muss niemandem mehr etwas beweisen, und vielleicht ist das das große Manko des Abends: die Abwesenheit jeglicher Ambition außerhalb von Überwältigung. Die sechs Musiker wirken wie über Tarif bezahlte Angestellte, die ihren Job gewissenhaft erledigen. Auf Tuchfühlung mit dem Publikum gehen sie zu keiner Minute. Nach dem letzten Song kniet die Band nieder, und Till Lindemann sagt die einzigen Worte des Abends: „Vielen, vielen Dank!“ Dann entführt sie alle der Fahrstuhl in den Feierabend.

Dieser Abgang – aus der Konserve ertönt ein Remix von „Haifisch“ – hat was von einem Filmabspann. Was eben noch war, ist schon verweht wie der Rauch aus dem Gebläse. Was aber bleibt von dem großen, bunten Puppentheater? Vielleicht ja ein leises Gefühl der Beruhigung. Heute, wo die Krieg-und-Klima-Krisen tagtäglich unsere Köpfe malträtieren und die moralische Selbstzerfleischung der Gesellschaft schon die Knochen erreicht, wirkt die Kunst von Rammstein wie ein Trostpflaster aus der schönen alten Welt.

Vor 18 Jahren fragte die Zeitschrift Playboy Till Lindemann, ob er mit 60 noch auf die Bühne gehen würde. „Ich glaube, dass bei uns früher Schluss sein wird“, antwortete der. „Meinetwegen mit einem Konzert im Berliner Olympiastadion.“ 2024 in Dresden scheinen das Olympiastadion und das Seniorenheim gleich weit weg.

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