Unser Land ist träge geworden

unser land ist träge geworden

KI-Chance für Deutschland: In der Robotik ist das Rennen noch längst nicht entschieden.

Zunächst zwei Fragen: Was passiert, wenn sich in Deutschland bezogen auf die Künstliche Intelligenz und ihre Folgen nichts ändert? Was passiert, wenn es nicht zu radikalen Reformen und einem grundlegenden Umdenken kommt, sondern wir bei der „German Angst“ bleiben? Ganz klar: Die USA und China werden mit ihren großen Ökosystemen eindeutig die digitalen Gewinner sein. Sie werden auch in Zukunft die Welt steuern, kontrollieren und ihr Wissen, ihre ökonomische und politische Macht ausbauen. Deutschland gerät immer mehr ins Hintertreffen und wird zu einem Freilichtmuseum für die Vereinigten Staaten und die chinesische Zentralregierung.

Schon heute belegt Deutschland in puncto Digitalisierung nur noch einen mittleren Platz in der Weltrangliste. Sogar im EU-Vergleich gehören wir nur zum Mittelfeld. Einige Länder sind schon an uns vorbeigezogen und wir leben nach wie vor von dem Erfolg, dem Kapital und dem Wohlstand unserer Vorgenerationen. Doch mit jedem Jahr, in dem wir unsere Chancen ungenutzt vorbeiziehen lassen, werden wir ein Stück weniger wettbewerbsfähig. Unsere klügsten und ehrgeizigsten Köpfe werden weiterhin in die USA und nach China ab wandern. Denn Deutschland bietet zu wenig Perspektiven.

Verfälschte Wahrnehmung durch KI-basierte Inhalte

In der Folge werden wir zwar die entsprechenden KI-basierten Produkte konsumieren, aber fertigen wird man sie woanders. Dadurch wird es zwangsläufig zu einer Wohlstandsverschiebung kommen. Für uns bleiben in jeder Hinsicht nur noch die Krümel vom Kuchen. Künstliche Intelligenzen werden auch hierzulande Dienste und Arbeitsplätze ersetzen. Prozesse, die aktuell noch zu 100 Prozent vom Menschen durchgeführt werden, werden künftig zu 90 Prozent von KI übernommen werden. Doch nur ein winziger Teil des Produktivitätsgewinns, der dabei entsteht, wird in Deutschland bleiben.

Wenn alles so weiterläuft wie bisher, dann gibt es auch keine umfassende Bildungsreform und auch keine dringend nötigen Reformen in anderen Bereichen. Das wird zu noch stärkerer Unzufriedenheit im Land führen, zu höherer Arbeitslosigkeit und sozialer Ungleichheit. Es wird mehr Armut geben und weniger Perspektiven. Das könnte zu einer politischen Eskalation und Radikalisierung führen. KI muss nicht der Auslöser dafür sein, aber sie könnte der Brandbeschleuniger sein, der die Wut und den Frust in einen Flächenbrand verwandelt – sei es durch eine verfälschte Wahrnehmung aufgrund KI-basierter Inhalte in den sozialen Medien oder durch den Graben zwischen KI-affinen Menschen und jenen, die sich der neuen Technologie verweigern.

Was können wir hier in Deutschland tun, um das zu verhindern? Was kann jeder Einzelne von uns tun? Was können Unternehmen, die Politik und letztlich auch die Gesellschaft tun, um Deutschland fit für die Zukunft zu machen?

Kulturwandel

Deutschland ist träge und bequem geworden. Wir leben noch von der Wohlstandsreserve unserer Vorgänger. Anstatt uns für die Zukunft zu wappnen und unseren Wohlstand weiter auszubauen, geben wir ihn mit vollen Händen aus. Individuell hat jeder seine Ziele, Möglichkeiten, Herausforderungen und Sorgen – und einige Menschen wollen Veränderung und mutig vorangehen. Aber als Kollektiv sind wir einfach nicht mehr gut genug. Nicht mehr hungrig genug. Ich nenne dies Wohlstandsverwahrlosung. Ich finde das sehr frustrierend, denn es gibt noch immer Menschen, die hungrig und ehrgeizig sind und die Welt verändern wollen. Doch hier in Deutschland wird es diesen Menschen sehr schwer gemacht.

Dabei sind wir eine Nation, die in der Vergangenheit immer wieder Erstaunliches geleistet hat. Wir haben beispielsweise nicht die Eisenbahn erfunden, aber hatten nach kurzer Zeit das größte Eisenbahnnetz in Europa. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Schutt und Asche. Aber wir haben es geschafft, zum drittgrößten Wirtschaftsstandort der Welt aufzuerstehen. Ich glaube, diese „German Angst“ gab es früher noch nicht. Sonst hätten wir es nicht geschafft, zweimal dem europäischen Schlusslicht zu entkommen. Wir brauchen also einen Kulturwandel. Was Deutschland fehlt, ist der Weckruf, der uns aus der Lethargie herausholt und zurück ins Handeln bringt!

Lebenslanges Lernen

Wir dürfen nicht aufhören, uns fortzubilden – im Gegenteil: Wir müssen das weiter ausbauen. Alle Menschen müssen verstehen lernen, was Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bedeuten, damit sie diese Technologie anwenden, nutzen, fördern und vor allem bewusst damit umgehen können. Egal, ob als professionelle Person im Berufsalltag oder als Endkonsument. Das gilt für uns, genauso wie für unsere Kinder und Senioren. Wir müssen uns und ihnen beibringen, wie KI richtig und gefahrlos bedient werden kann, wie ein verantwortungsbewusster Umgang mit sozialen Medien funktioniert und woran man erkennen kann, dass es sich um Künstliche Intelligenz handelt. Dann können wir beispielsweise KI-Systeme für unsere Gesundheit nutzen – egal, ob wir jung oder alt sind – und im Pflegeheim dafür sorgen, dass Menschen dort besser versorgt werden. Denn ja, auch dafür gibt es bereits Lösungen – und sie werden immer besser. Wir können KI verwenden, um unsere Finanzen zu managen und zu optimieren – genauso, wie wir längst Künstliche Intelligenz dafür nutzen, um uns im Auto gezielt von A nach B zu bringen.

Doch dafür müssen wir lernen, uns anzupassen. Genau wie unsere Wälder lernen müssen, besser mit Trockenheit, Dürre, Feuer und Stürmen klarzukommen, müssen wir uns an die technologischen Entwicklungen anpassen. Dafür braucht es nicht nur das Engagement und den Willen jedes Einzelnen. Wir müssen die Unternehmensmitarbeiter umschulen, die Buchhalter, die Anwälte und so weiter. Alle müssen in fünf Jahren dazu in der Lage sein, KI-Systeme zu bedienen und zu nutzen. Denn KI wird so universell werden wie heutzutage eine E-Mail.

Außerdem brauchen wir eine radikale Umgestaltung unseres Bildungssystems. Unsere Schulen stammen noch aus einer Zeit, in der wir Kinder auf ein Leben vorbereitet haben, in dem sie ein Leben lang einen Beruf an ein und denselbem Arbeitsplatz ausüben sollten. Doch die Kinder, die heute zur Schule gehen, werden sich als Erwachsene in einer Welt wiederfinden, die nur noch wenig mit der Lebensrealität zu tun haben wird, mit der wir aufgewachsen sind. Künstliche Intelligenz wird ihren Alltag in einem Maße mitbestimmen, den wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können. Je früher sie lernen, damit umzugehen, desto besser.

Wir müssen unsere Kinder also auf Jobs vorbereiten, die es noch nicht gibt. Wir müssen sie noch viel stärker in kreativem Denken schulen und sehr breit aufstellen, auch in ihren Interessen. Ich wünsche mir eine groß angelegte, bundesweite KI-Imagekampagne, die den Menschen die Angst vor dem Ungewissen nimmt und ihnen vermittelt, was ich fühle: Künstliche Intelligenz bedeutet Hoffnung – sei dankbar dafür und benutze sie zu deinem eigenen Wohl, zum Wohle der Gesellschaft und der Menschheit.

AI made in Germany!

Machen wir uns nichts vor: Wir haben keine großen Tech-Konzerne und werden da auch nicht schnell genug nachlegen können. Dieses Spiel haben wir verloren, besonders im Endkonsumentenbereich. Un­sere Telefone werden in den USA entwickelt und designed und in China produziert. Unsere Computer werden in den USA entwickelt und designed und in China produziert. Unsere Software wird zum Großteil in den USA entwickelt und designed und in Indien produziert. Fast alles, was ich virtuell benutze oder technisch in der Hand halte, ist amerikanischen oder asiatischen Ursprungs. Deutsche Computer gibt es kaum noch und deutsche Software ist nur noch selten weltweit erfolgreich.

Aber das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, eine digitale Industrie aufzubauen. Wir sollten uns allerdings nicht vornehmen, das nächste Facebook, TikTok, Apple oder Google aus dem Boden zu stampfen. Das schaffen wir nicht mehr. Doch wir sind absolut in der Lage, auf die nächste Welle aufzuspringen. Wir sind eine Nation von Erfindern. Und genau dahin müssen wir wieder zurück.

Aber Erfinden allein reicht nicht, wir müssen auch dafür sorgen, dass die Wertschöpfungskette bei uns bleibt: ausdenken, austüfteln, bauen und die Erfindung hier vermarkten. Das könnte eine Erfindung sein, die Wasserstoff und KI verbindet, oder eine Erfindung in der Materialforschung. Das ist nicht so einfach, doch es ist das, was wir brauchen. Anstatt uns krampfhaft an die Vergangenheit zu klammern, müssen wir uns mit Weitblick auf die nächsten Jahre konzentrieren, uns anschauen, welche Themen in Zukunft relevant werden könnten und uns an die vermutlichen Herausforderungen der Zukunft anpassen.

Die Digitalisierung unserer Industrie ist die letzte Chance, um Deutschland wieder zurück an die Weltspitze zu bringen. Aktuell wird der KI-Weltmarkt zu 50 Prozent von den USA beherrscht und der Rest der Welt teilt sich die andere Hälfte. Ich möchte nicht, dass dieser Rest zu 80 Prozent von China dominiert wird und wir uns ein paar Krümel aus dem restlichen Kuchen mit den anderen Ländern teilen, sondern dass wir unseren fairen Anteil daran haben. Das geht auch, in dem wir mit anderen demokratischen Nationen kooperieren, wie zum Beispiel mit Kanada, Indien, Israel, Südkorea, Taiwan, Australien und Japan – und indem wir Standards setzen. Wir brauchen Standards, damit wir deutsche KI auch gut in einem koreanischen oder kanadischen System einsetzen können.

Dieses Attribut steht für Sicherheit

Doch auch in Deutschland brauchen wir eine vernetzte Industrie 4.0, und das geht nur, wenn wir KI nutzen. Bereits jetzt werden die generativen KI-Systeme mit Expertendaten und dem Prozesswissen heimischer Unternehmen gefüttert. In der Automobilindustrie steckt dahin gehend extrem hohes Potential und noch ist der Zug nicht abgefahren. Aber wenn wir es nicht machen – wenn wir es nicht jetzt machen, dann macht es jemand anderes. Das größte Risiko liegt darin, dass auch dieses Expertenwissen wieder auf amerikanischen Modellen aufsetzt, denn dann ist die Grundlage amerikanisiert und keiner weiß, wie viele Rechte uns daran dann noch bleiben. Hier brauchen wir nationale Champions, denen wir vertrauen, die mit unseren ethischen Grundsätzen arbeiten und unser Wissen in ein deutsches Modell einspielen.

Wir brauchen eine vernetzte Industrie und „heimische Datenkartelle“. Was ist falsch daran, wenn deutsche Unternehmen und Verbände nationale Industriekartelle bilden, um im internationalen Kontext zu bestehen? Alibaba ist nichts anderes – weltweit gesehen steht das Unternehmen natürlich im Wettbewerb, aber in China hat es ein Monopol. Ebenso wie der Konzern Tencent, der in der Volksrepublik eine Monopolstellung aufgebaut hat, aber weltweit mit internationalen Anbietern konkurriert. Wieso gibt es keine deutschen oder europäischen Monopole? Warum ermöglichen wir es Unternehmen nicht, digitale Kartelle zu bilden, die wiederum im internationalen Wettbewerb stehen?

Und damit nicht genug: Ich wünsche mir, dass wir Standards setzen, die weltweit anerkannt sind. Eines Tages verkaufen wir nicht nur unsere Maschinen, sondern exportieren auch AI made in Germany in die Welt. Und dieses Attribut steht dann für Sicherheit, Vertrauen, Zuverlässigkeit und Nachhaltigkeit. Ich wünsche mir deshalb einen deutschen KI-Standard, der nicht durch Bürokratie glänzt, sondern durch Zuverlässigkeit und Genauigkeit. Vielleicht entsteht dabei nicht die schnellste und innovativste KI. Aber am Ende fahre ich ja auch am liebsten in einem Auto, das nicht ständig kaputtgeht, sondern mich am sichersten von A nach B bringt. Ich wünsche mir, dass AI made in Germany Qualitätsstandards setzt, die in der Welt einzigartig sind. Damit das funktioniert, brauchen wir die entsprechende Infrastruktur. Wir müssen uns von amerikanischen und chinesischen Chipherstellern unabhängiger machen und brauchen eigene Rechenzentren in Deutschland – das ist eine klare und dringende Handlungsempfehlung.

Fabian Westerheide ist Wagniskapitalgeber und Ausrichter der KI-Konferenz „Rise of AI“, die in dieser Woche in Berlin stattfindet. Der hier veröffentlichte Beitrag ist ein Vorabdruck seines Buches „Die KI-Nation. Zwischen Dystopie und Utopie“, das am 15. Mai erscheint.

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