Umstrittener Bach-Sohn Gottfried Heinrich: Wie stand es um den „Blöden Herrn“?

umstrittener bach-sohn gottfried heinrich: wie stand es um den „blöden herrn“?

Balthasar Denner malte um 1730 dieses Bild eines Mannes mit drei Söhnen. Man vermutet, dass er damit einen Teil der Familie Bach darstellte, und Gottfried Heinrich wäre darauf dann als damals jüngster lebender Sohn gleich neben dem Vater porträtiert.

Am 28. Oktober 1730 bittet der mit seiner Situation in Leipzig un­zufriedene Johann Sebastian Bach den Freund und ehemaligen Mitschüler Georg Erdmann um Hilfe bei der Suche nach einer neuen „convenable station“ und bewirbt sich sozusagen mit seiner gesamten Familie. Seinen Sohn Gottfried Heinrich führt er dabei unmittelbar an, bevor es an die Qualität der Haus­musik geht: „Die Kinder anderer Ehe sind noch klein, u. der Knabe als erst­gebohrner 6 Jahr alt. Insgesamt aber sind sie gebohrne Musici, u.a. kann versichern, daß schon ein Concert Vocaliter u. Instrumentaliter mit meiner Familie formiren kann, zumahln da meine ­itzige Frau gar einen sauberen Soprano singet, auch meine älteste Tochter nicht schlimm einschläget.“ Im Übergang von der Familienchronik zur außerordentlichen Qualität der häuslichen Musik bildet der junge Gottfried Heinrich für seien Vater das Scharnier!

Gottfried Heinrich Bach ist das zweite Kind von Anna Magdalena Bach, der zweiten Frau des Thomaskantors. Er wurde am 26. Februar 1724 – vor dreihundert Jahren – geboren. Die Taufe erfolgte am darauffolgenden Tag, dem ersten Sonntag der Passionszeit (Invocavit) in der Leipziger Thomaskirche durch Diaconus Lic. Urban Gottfried Sieber. Als Taufpaten fungierten der regierende Bürgermeister Gottfried Lange, Regina Maria Ernesti, geborene Carpzov, die Ehefrau des Thomasschulrektors Johann Heinrich Ernesti, und D. Friedrich Heinrich Graff, der als Advo­catus Ordinarius am Leipziger Oberhofgericht ­tätig war.

Carl Philipp Emanuel Bach, Sohn aus erster Ehe und neun Jahre älter als Gottfried Heinrich, wird später die „Genealogie“ der Bach-Familie zu dem Halbbruder ergänzen: „incliniert . . inspecie zum ‚Clavierspielen‘. War ein großes Genie, welches aber nicht entwickelt ward.“ Die Bezeichnung „Genie“ wurde im Hause Bach nicht ohne Weiteres vergeben: „Mit seinen Kindern“, so Carl Philipp Emanuel, „u. auch anderen Schülern fieng er das Compositionsstudium nicht eher an, als bis er vorher Arbeiten von ihnen gesehen hatte, woraus er ein Genie entdeckte.“ Über das, was den jungen Gottfried Heinrich ausgezeichnet hat, wissen wir nichts (dass die Aria über die ­Tobackspfeife, BWV 515.2, in ihrer ersten Version von dem seinerzeit etwa zwölfjährigen Gottfried Heinrich Bach stammen soll, kann nach heutigem Forschungsstand nicht nachgewiesen werden).

So einfach liegen die Dinge nicht

Die Entwicklung des jungen Genies Gottfried Heinrich stockte. In Johann Elias Bach, einem Großcousin von Johann Sebastian, fand sich ein geeigneter Hauslehrer. Er hatte sich 1728 zum Studium der Theologie in Jena eingeschrieben, konnte es aber aus Geldmangel nicht zum Abschluss bringen. Johann Sebastian Bach nahm ihn 1737 als Sekretär und ‚Informator‘ (also Tutor oder Hauslehrer) für die jüngeren Kinder auf. 1741 resümierte Johann Elias Bach, dass Gottfried Heinrich und dessen jüngerer Bruder Johann Christoph Friedrich „ein solide und treue Unterweisung höchstnöthig bedürffen, zumalen der älteste von denselben“. Beide sollte er auch „zum Tisch des Herrn praeparieren“, also auf die Konfirmation vorbereiten. Johann Elias Bach nahm diese Tätigkeit offensichtlich sehr ernst und erkundigte sich nach seinem Ausscheiden über den weiteren Unterricht der beiden. Deren Vater versicherte er 1742 im Rückblick, „daß des vielen Guten, welches in Dero Hause etliche Jahre, hierüber nicht vergeßen, mich deßen vielmehr mit dankbarem Gemüthe allezeit erinnern und wo möglich in der That dafür dankbar erweisen werde: und zu dem Ende will ich auch nicht ab­laßen den Allerhöchsten täglich vor die Wohlfahrt Dero sämtlichen Hochgeschäzten Hauses in meinem Gebeth anzufehen, und besonders um die dauerhaffte Gesundheit vor Ew. Hochedelgeb. inbrünstig zu bitten“.

Acht Jahre später, anlässlich der „Erstellung der Hinterlassenschaft Johann Sebastian Bachs“ am 11. November 1750, wird „dem Blöden Herrn Gottfried Heinrich Bachen“ ein Kurator bestellt. Er lebte im Hause seines Vaters bis zu dessen Tod und war dann seinem Schwager Johann Christoph Altnickol nach Naumburg gefolgt. Dort sollte Gottfried Heinrich im Februar 1763 sterben und am 12. Februar beigesetzt werden.

Carl Philipp Emanuel Bachs Bezeichnung seines Bruders als „großes Genie“ rückte diesen damit in die unmittelbare Nähe des gemeinsamen Vaters, doch von Rechts wegen galt er als „blöd“. Zwischen beiden Polen scheinen Welten zu liegen. Was aber ist Blödigkeit? Ein geistiger Defekt? Auf diesem dürftigen Niveau dürfte sich die lapidare Bemerkung Albert Schweitzers über den Bach-Sohn bewegen: „Gottfried Heinrich war blöd.“ Immerhin blieb diesem amtlicherseits nicht der Respekt versagt: Im Protokoll der Erbteilung wird er mehrfach als „Herr Gottfried Heinrich Bach“ tituliert und seine Unterschrift belegt. Johann Elias Bach ließ in dem bereits erwähnten Brief aus dem Jahr 1742 an seinen Großcousin die „lieben Vettern […] mit ge­ziemender Hochachtung“ grüßen. Gottfried Heinrich wegen „seines blöden Verstandes halber“ für geistig beeinträchtigt zu halten kom­biniert eine zumindest mehrdeutige Zustands­beschreibung mit einer demzufolge nicht belastbaren monokausalen Deutung. Denn so einfach liegen die Dinge nicht.

Einblicke durch die Bibliothek des Vaters

Georg Stanitzek setzt in seiner Studie „Blödigkeit – Beschreibungen des Individuums im 18. Jahrhundert“ (Tübingen 1989) andere Akzente. Schwäche, Scheu oder Schüchternheit, die als Zuschreibungsbegriffe für den Begriff „blöd“ galten, waren Wörter, denen „im 18. Jahrhundert ein Status ersten Ranges zukam“. Der Begriff „Blödigkeit“ hatte eine mehrdimensionale Bedeutung, die „für die Beschreibung und Selbst­beschreibung von Individuen im Übergang zur Moderne kaum überschätzt werden kann“. Blödigkeit, so Stanitzek, könne verstanden werden „als eine Art Zögern des Individuums vor dem Eintritt in die Moderne“.

Die geistige Welt des Thomaskirchhofs und so auch der Unterricht des jungen Gottfried Heinrichs werden damals gehörig ins Wanken geraten sein. Die Bibliothek des Vaters konnte ihm einen Einblick geben in die Komplexität der Leipziger Mit- und Umwelt. Streitigkeiten zwischen den Konfessionen, Herausforderungen durch die sich unaufhaltsam durchsetzende Aufklärung mit ihrem scheinbar alles in Turbulenzen stürzenden Appell an die Vernunft und anwachsender In­differenz gegenüber religiöser Bindekraft legten auf jeden neuen Tag einen Schatten. War die ­Philosophie ehedem die Magd der Theologie, emanzipierte sie sich zusehends zur Herrin und bestimmte mit ihrer Hermeneutik das Verständnis von Offenbarung.

Zur Zeit Johann Sebastian Bachs tobte in der Theologie ein Streit um das rechte Verständnis der Trinitätslehre. Wie immer definiert wurde, es konnte und durfte nicht im Widerspruch zur Vernunft stehen. Der Wahrheitsgehalt dessen, was behauptet wurde, sollte sich vor der Philosophie zu verantworten haben. Die lutherische Ortho­doxie in Leipzig hatte sich ernste Sorgen um ihr Überleben zu machen. Die Zeichen standen auf Sturm und erforderten von jenen, die den Sturm anfachten, jenen, die ihn fürchteten, oder jenen, die einfach unter dem Sturm weitersegeln wollten, ein hohes Maß an geistiger Spannkraft. Undenkbar, dass der Schüler Gottfried Heinrich durch eigene Begabung, durch seine Familie, Unterricht und Kirche sowie eigene Lektüre davon nichts mitbekommen haben sollte, zumindest ansatzweise.

Wie in einem Stich Dürers

Wem solche oder andere Herausforderungen Irritationen bereiteten, dem dräute die sogenannte Blödigkeit als „Unsicherheit über das, was zu tun ist“ (Stanitzek), und stellte den verhinderten Akteur unter Rechtfertigungsdruck. Recht­fertigung ist ein zentrales Wort des evangelischen Glaubensverständnisses. Die Gnade sprach dem Menschen Rechtfertigung zu; jetzt sah es so aus, als ob man sich die Rechtfertigung selbst zu­sprechen müsste. Wenn der Himmel entvölkert werden sollte, drohte der Verlust der Gnade. Die Gnade war das Forum, vor dem sich der Mensch nicht rechtfertigen musste, sondern vor dem er als Person gerechtfertigt wurde – eine für heutige Verhältnisse schon nicht mehr selbstverständ­liche Vorstellung. Wir halten eher Ausschau nach dem sogenannten Erfolgsmenschen, der nicht nur in seinem Leistungsbereich reüssiert, sondern diesen Erfolg in seiner ganzen Lebensform zu verkörpern sucht. Selbstinszenierung als biographische Performance.

Indem Carl Philipp Emanuel Bach seinen Bruder Gottfried Heinrich als Genie bezeichnete, das sich nicht wirklich habe entfalten können, konnte kein kognitiver Mangel gemeint sein. Immerhin erhielt Gottfried Heinrich aus dem Nachlass der Bibliothek des Vaters unter anderem eine fünf­teilige „Biblische Erklärung“ von Johann Olea­rius. Gottfried Heinrichs Blödigkeit erinnert wohl eher an Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“ von 1514, auf dem eine geflügelte ­Gestalt, der Umwelt enthoben, grübelnd sinniert – eine Allegorie der Melancholie. Johann Christoph Gottsched, der mit Johann Sebastian Bach mehrfach zusammengearbeitet hat, unterschied zwei Arten der „Melancholey“: die eine Art kommt „mehr aus dem Geblüte [des] Körpers“, während die andere, wohl eher auf Gottfried Heinrich zutreffende, Art „aus dem Gemüthe ihren Ursprung hätte“.

Gottfried Heinrich erfuhr seine Identität womöglich als bedrohte und konnte sich insofern nicht aus seinem Selbst-Sein heraus zum Mut des inneren wie äußeren Aufbruchs entschließen. Seine Selbstinszenierung fand keine Resonanz. In „Christian Weisens Neu-Erleuterter Poli­tischer Redner“ aus dem Jahr 1688 finden sich in der Einleitung Gedanken über ein „Kupffer=Blat“, das zwei Knaben zeigt. Der eine verbirgt sich hinter einem Vorhang, den Kopf in die Hand gestützt, der andere enthüllt den Vorgang und verweist auf die Inschrift: „Loquere, ut te ­videam“ – rede, dass ich dich sehe: „So wilstu nicht im Finstern leben / Nachdem das Tuch gehoben ist? / Wilstu dich an das Licht begeben / Da man der blöden Nacht vergist? / Ja wohl die Sonne strahlt dich an / Daß man dein Haupt erkennen kann.“

Er verharrte auf der Stelle im Umbruch seiner Zeit

Die Überwindung „der blöden Nacht“ er­fordert einen ersten Schritt: den Entschluss, nicht länger „im Finstern leben“ zu wollen und sich „an das Licht“ zu begeben. Wer diesen Schritt geht, tritt sozusagen aus seinem eigenen Schatten und macht sich sicht- und hörbar. Wer spricht, versetzt sich selbst in die Nähe eines anderen. Die Sprache bringt hervor, was uns unbedingt angeht. In der Sprache ist der Mensch ganz er selbst und inszeniert sich in der Begegnung mit dem anderen. Wer redet, teilt sich mit. „Und schon so nah die Klippen, / du kennst dein schwaches Boot – / kommt, öffnet doch die Lippen, / wer redet, ist nicht tot“, dichtete Gottfried Benn. Zueinander sprechen ist nicht nur gedanklicher Austausch, sondern im sprachlichen Zeichen der als existenziell zu verstehende Austausch von Lebendigkeit. Rede, dass ich dich sehe . . .

Wie oft werden die Eltern oder die Geschwister Gottfried Heinrich auf ähnliche Weise an­geredet haben, immer noch hoffend, dass es einen Durchbruch geben könnte. Gottfried Heinrich konnte in dem Sinne nicht reden, als er sich nicht vorzeigen konnte. Er verharrte auf der Stelle im Umbruch seiner Zeit. Seine Blödigkeit mag insofern auch als ein Reflex auf die in der Messestadt Leipzig besonders dramatisch empfundene weltanschauliche, kulturelle und religiöse Komplexität und die dementsprechenden Verwerfungen verstanden werden. In der geistlichen Vorstellungswelt Johann Sebastian Bachs fällt ein solcher Mensch aber nicht aus allen Bezügen. In der Gottfried Heinrich übereigneten „Biblischen Erklärung“ fragt Olearius: „Ob nicht ein solcher Mensch die heilige Schrifft verständlich lesen könne / welcher von Jugend auf zum Catechismo und zu Gottes Wort gewehnet […] so viel zu ­seinem Zustande erfordert wird / recht verstehe / ungeachtet die Gelehrten in diesem Stück eine höhere Vollkommenheit erreichen mögen?“

Das schönste Denkmal hat der Vater seinem Sohn gesetzt. 1736, als sich die Blödigkeit bei Gottfried Heinrich wie ein Schatten auf seine Entwicklung gelegt hatte, vertonte Bach eine Liedstrophe von Christoph Wegleiter (BWV 443), die Vater und Sohn unter dem Gedanken der Rechtfertigung geradezu vereint: „Beschränkt, ihr Weisen dieser Welt, / die Freundschaft immer auf die gleichen / und leugnet, dass sich Gott gesellt / mit denen, die ihn nicht er­reichen; / Ist Gott schon alles und ich nichts, / ich Schatten, er die Quell des Lichts, / er noch so stark, ich noch so blöde, / er noch so rein, ich noch so schnöde, / er noch so groß, ich noch so klein. / Mein Freund ist mein, und ich bin sein.“

Reiner Marquard lehrt am Institut für Kirchenmusik der Universität Freiburg.

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