Ukraine-Invasion Tag 652: Große Verluste, großer Erfolg? Der ursprüngliche Plan der USA für Kiews Gegenoffensive

Warum Putin wählen lässt, die geheime Waffenwunschliste der Ukraine an die USA, westliche Militärhilfe für die Ukraine sinkt deutlich. Der Überblick am Abend.

ukraine-invasion tag 652: große verluste, großer erfolg? der ursprüngliche plan der usa für kiews gegenoffensive

Ukrainische Soldaten feuern eine Kanone in der Nähe von Bachmut ab.

Die ukrainische Gegenoffensive in diesem Jahr endet als große Enttäuschung. Zwar hat Kiew auch Erfolge zu verbuchen, wie die Öffnung des Schwarzen Meeres für den Handelsverkehr mit Schiffen und die Angriffe auf die Krim. Die führten dazu, dass Russland die besetzte Halbinsel nicht mehr als sicheres Territorium sehen kann.

Doch von den militärischen Zielen, die Anfang des Jahres in Zusammenhang mit der Gegenoffensive diskutiert wurden, ist keines erreicht worden. Kiews Truppen konnten keinen Keil zwischen die russischen Truppen in der Südukraine treiben und das Asowsche Meer erreichen. Politisch oder militärisch ist Russland auch nicht geschwächt.

Sicher, am Ende ist man immer schlauer; aber die Ergebnisse sind wenig überraschend, wenn man weiß, wie die Offensive geplant und diskutiert wurde. Schon im Winter 2022 gab es zwischen Ukrainern, Amerikanern und Briten teils erhebliche Differenzen, wie militärstrategisch vorzugehen sei. Das hat die „Washington Post“ nun in einer aufwendigen Recherche rekonstruiert (Quelle hier).

Sehr verkürzt zusammengefasst, liefen die Vorbereitungen folgendermaßen: Vor allem Washington hatte sich für einen einzigen konzentrierten großen Vorstoß ausgesprochen. Die Ukrainer, hier vor allem der Generalstabschef Walerij Saluschnyj, wollten Vorstöße an mehreren Frontabschnitten durchführen. Die Militärplaner aus den USA, darunter Verteidigungsminister Llyod Austin und der damalige Generalstabschef Mark Milley, rechneten für ihren Plan zwar mit massiven Verlusten auf ukrainischer Seite, aber auch mit großen Erfolgsaussichten. Fast die Hälfte der Angriffstruppen hätte Kiew laut den Militärplanspielen, von denen acht unter anderem in Deutschland stattfanden, verloren; also wohl mehrere zehntausend Männer und Frauen. Aber ein langer Krieg, so ihr Argument, würde noch mehr Opfer kosten. Interessantes Detail: Die US-Geheimdienste schätzten laut „Washington Post“ die Erfolgsaussichten der ukrainischen Gegenoffensive sehr viel geringer ein als das US-Militär. Allerdings waren die Geheimdienste im Februar 2022 auch davon ausgegangen, dass Kiew innerhalb von wenigen Tagen fallen würde.

Die Ukrainer waren skeptisch. Vor allem, weil die Annahmen von Austin und Milley auf den Erfahrungen der US-Armee basierten, die in jedem Konflikt in jüngerer Zeit die Luftüberlegenheit hatten. Die fehlte Kiew. Und den ukrainischen Soldaten fehlte die Erfahrung, wie solche großen und gleichzeitig schnellen Angriffe militärisch umzusetzen sind. Saluschnyj wollte die Länge der Front als Vorteil nutzen und die Russen in mehrere kleinere Kämpfe verwickeln, um ihre Truppen an möglichst vielen Orten zu binden. Seine Angst: Würden die Ukrainer ihre ganze Kraft auf einen Angriffspunkt konzentrieren, würden die Russen ihrerseits an einem anderen Punkt durchbrechen. Gewonnen wäre kaum etwas.

Die Amerikaner ließen Kiew am Ende machen. Was blieb, war der Aufwand für die Gegenoffensive. Washington und die anderen Unterstützer Kiews kratzten alles an Munition und Gerät, zusammen, was sie auftreiben konnten. Allein der geschätzte Verbrauch an Artilleriemunition der Ukrainer überstieg alles, was man im Westen liefern und produzieren konnte. So musste Südkorea einspringen, die Hunderttausende Artilleriegeschosse abgaben. Auch Lager in Israel wurden leergeräumt. Hinzu kamen mehr als 2000 gepanzerte Fahrzeuge und Nato-Training für Zehntausende ukrainische Soldaten in Europa.

Die Folge war ein Zwitter aus den beiden Strategien. Die Ukrainer versuchten im Kleinen das, was die Amerikaner sich vorgestellt hatten. Schnelle Angriffe, aber mit weniger Truppen und das an vielen Stellen. Das Problem: Sie kamen zu spät. Als die ukrainische Offensive im Juni startete, waren die Russen schon so tief eingegraben, die Minenfelder so dicht, dass kein Durchkommen mehr war.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

  • Das ist die geheime Waffenwunschliste der Ukraine an die USA: In Washington wird eine Waffenliste diskutiert. Es stehen unter anderem F-18-Jets und Kampfdrohnen drauf, die die Ukraine bisher nicht hat. Doch die westliche Unterstützung bröckelt. Mehr hier.
  • Die westliche Militärhilfe für die Ukraine sinkt nach Angaben eines Forschungsinstituts deutlich: Die neu zugesagte Hilfe ging zwischen August und Oktober 2023 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 90 Prozent zurück, wie das Kiel Institut für Weltwirtschaft am Donnerstag berichtete. In dieser Zeit seien Hilfszusagen von insgesamt 2,11 Milliarden Euro eingegangen, dies bedeute einen Tiefstand. Mehr im Newsblog.
  • Die Ukraine versucht einem Agenturbericht zufolge, die Blockade von Lastwagen an der Grenze zu Polen mit Zügen zu umgehen. Das berichtete die Nachrichtenagentur Interfax am Donnerstag unter Berufung auf einen Vertreter der ukrainischen Eisenbahn. Ein Zug sei an der Grenze bei dem Ort Hrubieszow mit 23 Lastwagen samt Containern beladen worden, wurde Walerij Tkachow zitiert. Sobald ein erster Testzug erfolgreich abgefertigt sei, „werden wir dies auf Massenbasis beginnen“, wurde Tkachow weiter zitiert.
  • Russlands Präsident Wladimir Putin sieht sein Land in einer sich wandelnden Welt auf der Gewinnerseite. Russland werde sich zum neuen Wachstumszentrum entwickeln, sagte er am Donnerstag auf der Investoren-Konferenz „Russia Calling“ in Moskau. „Heute ist das Bruttoinlandsprodukt bereits höher als vor dem Angriff der westlichen Sanktionen“, sagte er mit Blick auf vom Westen 2022 beschlossene Strafmaßnahmen nach dem Überfall auf die Ukraine. Putin sprach von einer kommenden neuen Weltordnung und unterstrich die Bereitschaft Russlands, mit China in allen Bereichen, auch den militärischen, zusammenzuarbeiten.
  • Der russische Geheimdienst FSB hat nach Anschlägen auf zwei Treibstoffzüge in Sibirien die Festnahme eines Tatverdächtigen aus Belarus verkündet. Der Mann sei in der Region Omsk festgenommen worden, teilte der FSB am Donnerstag mit. Der 1971 geborene Verdächtige habe den „Terrorakt“ im Auftrag der Ukraine verübt. Ziel sei es gewesen, „kritische Transport- und Energieinfrastruktur zu zerstören“.
  • Russland hat dem Gouverneur von Odessa zufolge in der Nacht Hafeninfrastruktur im Donaugebiet mit Drohnen angegriffen. Während des zwei Stunden dauernden Angriffs seien zwar die meisten abgeschossen worden, doch einige seien durchgekommen, teilt der Gouverneur mit. Sie hätten ein Lagerhaus, einen Aufzug und Lkw getroffen. Ein Fahrer sei ums Leben gekommen. Solche Angriffe auf die für den Getreideexport der Ukraine wichtige Infrastruktur hatten zuletzt nachgelassen.
  • Der US-Senat hat neue milliardenschwere Sicherheitshilfen für die Ukraine und Israel blockiert. Das 110,5 Milliarden Dollar schwere Paket erhielt bei einer parteiübergreifenden Abstimmung am Mittwoch nicht die nötigen 60 Stimmen, um im 100-köpfigen Senat zur Debatte zu kommen. Alle Republikaner im Senat stimmten mit Nein, ebenso der unabhängige Senator Bernie Sanders, der gewöhnlich mit den Demokraten stimmt, aber Bedenken gegen die Finanzierung der „gegenwärtigen unmenschlichen Militärstrategie“ Israels gegen die Palästinenser geäußert hatte.
  • Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will die heimische Militärproduktion in Zusammenarbeit mit Partnern ausbauen. „Die Ukraine will nicht nur von Partnern abhängig sein. Die Ukraine will und kann wirklich ein Sicherheitsgeber für alle unsere Nachbarn werden, sobald sie ihre eigene Sicherheit garantieren kann“, sagt Selenskyj. Der Plan sei „absolut realistisch“.
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