Fernsehturm am Alexanderplatz: Wie dem Berliner Wahrzeichen gezielt die Flügel gestutzt wurden

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Rolf Heider im November 2023 vor der Umbauung des Fernsehturms, die er als Tragwerksplaner als Faltwerk gestaltete. Markant ist die kühne Konstruktion der schwebenden Flügel.

Mit Flügeln ausgestattet wie Hermes, der Götterbote, steht der Fernsehturm im Zentrum Berlins. Tatsächlich gehören die nach oben und unten schwingenden Architekturelemente der Fußumbauung einem Nachrichtenüberbringer, der der Sendeturm zweifellos war. Doch dieser Gedanke lag nicht der gestalterischen Idee zugrunde. Was leitete die DDR-Erbauer, die sich jedenfalls nicht mit „Kisten und Kästen“ zufriedengaben, wie sie in der jüngeren Berliner Stadtgestaltung die Regel sind? Und warum diffamierten West-Berliner Architekten und Politiker das Bauensemble?

Heute herrschen an diesem kulturell und touristisch zentralen Ort Verwahrlosung und Banalität. Dr.-Ing. Rolf Heider gehört neben dem Architekten Walter Herzog zu den Erfindern und Erbauern des Exempels kühner Spätmoderne, das seit 1995 unter Denkmalschutz steht. Er hat als Ingenieur das Stahlbeton-Faltwerk des weit auskragenden Daches mit seinen schwebenden Spitzen geplant und berechnet. Nach einem Blick in die noch original erhaltene Eingangshalle und auf die Verschandelungen im Außenbereich sitzen wir im Café und blicken auf die Marienkirche. Ausgerechnet sie musste herhalten für die Begründung von Zerstörungsfantasien der West-Berliner Abrissfraktion. Da wird der Ingenieur emotional.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie den heutigen Zustand Ihres Werkes sehen?

Nicht besonders gut. Mich ärgern die vielen nachträglichen Ein- und Anbauten, die die Architektur der Turmumbauung verunstalten. Mich ärgern die Fremdnutzungen durch Einrichtungen, die mit Kultur nichts zu tun haben, wie die Spielbank, die Leichenausstellung. Und dann überall der Schmutz. Traurig ist, dass die Dachflügel nicht mehr als frei schwebend erlebbar sind; sie sind durch Polizeimaßnahmen mit Gittern und Dornengestrüpp verunstaltet. Begründet wurde das mit der Sicherheit, dabei war nie etwas passiert. Während der Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 war das Dach voller Menschen. Das ganze Bauwerk war als begehbare Skulptur gedacht, und ich habe es auch für Publikumslasten berechnet. Es war klar, dass es beklettert wird.

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Die als frei schwebend konstruierten Flügel sind als solche nicht mehr erlebbar. Auch das Hinaufklettern und Herabrutschen, zu DDR-Zeiten sehr beliebt, ist verboten.

Worin liegt der Grund für die Verwahrlosung des Ensembles?

In der Vereinnahmung durch Konzerne. Dieser Bereich im Zentrum unserer Stadt gehört faktisch gar nicht mehr zu Berlin. Da bestimmt mal ein Besitzer in Hongkong und mal einer in der Schweiz, was mit und in den Bauten passiert. Weder Stadtbauamt noch die Denkmalpflege haben Einfluss.

Aber der Fernsehturm und die Umbauung waren doch weltweit bekannte Symbole Berlins …

Nach der Wende setzte eine schwer erträgliche Stimmungsmache westdeutscher Architekten und Politiker gegen die DDR-Moderne ein. Da las man tatsächlich, dass die auskragenden Flügel des Ensembles die aggressive Haltung der DDR-Führung gegenüber der Kirche symbolisiere: Die Faltwerkdächer bedrohten die Marienkirche wie die „Tentakeln eines Kraken“. So schrieben seinerzeit politische Funktionsträger und maßgebliche Sprecher einer AG Stadtmitte, die die restlose Beseitigung der DDR-Architektur anstrebte.

Wie sollte das erreicht werden?

Mit bekannten und erprobten Methoden: Die Gebäude werden vernachlässigt, verunstaltet, zweckentfremdet und schließlich abgerissen. So setzte 2002 trotz der Proteste von uns Urhebern und Denkmalschützern die Telekom Invest für den Sender TV Berlin einen barackenartigen Stahl-Glasbau auf die Freiebene der Bebauung auf. Dann stand die verunstaltende Baracke jahrelang leer. Telekom verkaufte sie erst nach Luxemburg, dann wurde sie nach Hongkong weiterveräußert. Heute gehört die Umbauung des Fernsehturms einem Herrn Müller in der Schweiz. Die Baracke beherbergt derzeit die satanistische Ausstellung „Körperwelten“. Die Sicht auf die Turmbasis ist versperrt, ebenso der Übergang zur Flanierebene und dem Bahnhof. Vielleicht rettete diese Brutalbaracke aber den Gesamtabriss, denn die Konstruktion wurde saniert. Das ist 20 Jahre her, es splittert und bröckelt. Gemacht wird nichts.

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Frei schwebende Spitzen im ursprünglichen Zustand

Es stand allen Ernstes ein Gesamtabriss an?

Ja, schon 1996 hatte es dieses Ansinnen gegeben, damals ausgehend vom Planwerk Innenstadt. Dagegen gab es ernsthafte Proteste, und der Versuch wurde abgewehrt, auch durch den Senat, zu dem damals Thomas Flierl (Linke) als Kultursenator gehörte. Die Attacke von 2014 ging von der Arbeitsgemeinschaft Historische Mitte Berlin aus, die den Abriss des Ensembles forderte, um wieder eine historische Bebauung des Areals zu erreichen.

Reden wir über die Anfänge. Wie ging es los?

Am Anfang war ein exzentrischer Kreis geplant, der sich rund um den Fuß des Fernsehturms legen sollte. Aber dieser erste – schon beschlossene – Entwurf befriedigte architektonisch nicht. Zum Plan für das neue Zentrum der DDR-Hauptstadt gehörte eine große Gartenanlage, und es war notwendig, die Rathauspassagen und die Karl-Liebknecht-Straße mithilfe eines Gebäudes zu verspannen. Diese Aufgabe findet mit der horizontalen Figur und den seitlichen Flügeln der Turmumbauung eine Lösung. Zudem hielten wir es für angemessen, die Basis des Fernsehturms freizustellen, damit die schöne hyperbolische, mit der Höhe ins Zylindrische übergehende Form erkennbar bleibt.

Wie kam es zu dem Wechsel vom Runden zum Zackigen?

Ich war 27 Jahre alt und in einer Ingenieurabteilung, die die Statik des Kreisrings planen sollte, an den Berechnungen beteiligt. Die Gesamtplanung für das neue Zentrum Ost-Berlins sah vor, eine Ost-West-Achse vom Alexanderplatz bis zu Spree zu betonen. Manfred Prasser, der Generalprojektant, heute würde man Planer sagen, sprach mich und den Architekten Walter Herzog an, ob wir nicht einen Gegenentwurf machen könnten – und zwar heimlich. Prasser wollte weg vom Kreisring, und dieser Wechsel sollte nicht gefährdet werden. Walter Herzog entwarf die beschwingte Grundform mit dem Eingangsbauwerk, und ich erkannte schnell, dass dafür eine konstruktive Grundstruktur notwendig ist, um angesichts der erwünschten Plastizität und der stark auskragenden Dächer Stabilität in das Ganze zu bringen. Unser Vorschlag wurde Staats- und Parteichef Walter Ulbricht sowie Paul Verner, SED-Bezirkssekretär Berlin, vorgestellt. Sie waren begeistert, abgesehen von Details, die wir korrigierten. Damit hatten wir grünes Licht.

Was war die gestalterische Idee?

Es sollte eine beschwingte, pavillonartige Form sein, eine begehbare Plastik, ein Ort der Kultur mit Ausstellungen, einem kleinen Kino, mit Restaurants und einem Tanzcafé usw. Wir haben die Längstrakte des Gebäudes um jeweils 30 Grad zur Ost-West-Achse abgewinkelt, um der Kirche Reverenz zu erweisen – also das Gegenteil dessen, was uns die Westpolitik unterstellt hatte. Durch diesen Grundriss haben wir den nötigen Abstand zur Kirche hergestellt. Durch das Abwinkeln ergab sich auch das Grundraster des gesamten Ensembles aus Sechsecken, Dreiecken, Trapezen und Parallelogrammen. Diese Grundformen sind überall durchgehalten, in der Eingangshalle wie in den Restaurants.

Was hatte es mit den spitzen Flügeln auf sich?

Der Turm sollte wie in einer Schüssel stehen, und es sollte ein dynamisches Gegengewicht zu dem statisch wirkenden Turm entstehen – mit nach oben und unten schwingenden Dächern. Im Eingangsbereich gruppieren sich die Dächer wie ein Tor.

Wie kamen Sie auf die charakteristischen Falten?

Das Faltwerk ist im statischen Sinne ein räumliches Flächentragwerk – ähnlich wie die sogenannten Schalengebäude, zu denen das leider abgerissene Ahornblatt gehörte. Diese Form stand im Kontext der internationalen Architektur. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren hat man weltweit in großen Bauten gezeigt, was man mit dem formbaren Material Stahlbeton machen kann, wenn man an die Grenze der Tragfähigkeit geht und filigrane Bauwerke schafft – also am Limit baut. Das haben wir am Fernsehturm gemacht. Wir waren in der DDR, was die Architektur betrifft, ja nicht isoliert. In den Betrieben lagen die internationalen Zeitschriften der Architektur und des Bauingenieurswesens aus. Zudem sah die Staats- und Parteiführung auf Reisen solche Bauten und wollte so etwas auch. Es lag also in der Zeit – die Spätmoderne in der Architektur.

In Ihrer Doktorarbeit schrieben Sie über die Methoden im Städtebau – was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Es ging um das Wechselverhältnis von Architektur und Bautechnik. In der DDR war die Bauindustrie zentral gelenkt, staatlich und konzentriert; die Bauweise wurde von oben bestimmt. Wohnungsbau und der Wiederaufbau der Städte nach dem Krieg waren zentrale Anliegen. Daher gab es ein straffes Regime. Das Bauen mit Beton an Ort und Stelle, mit Schalungen und Flüssigbeton, war zugunsten des Fertigteilbaus abgedrängt. 90 Prozent war Fertigteilbau, nur noch zehn Prozent Ortbetonbau oder Ziegelmauerwerk. Ziegeleien wurden damals zugemacht. Es war also wichtig zu untersuchen, welche Bauweise wir brauchen, um auch die Altstädte sanieren zu können. Wie kann man auch dort arbeiten, wo Transportfahrzeuge mit großen Fertigteilen nicht hingelangten, wo kleinteilig, mit mehr Flexibilität gebaut werden sollte. Meine 27 Vorschläge standen dann im totalen Widerspruch zu den Prämissen der Bauindustrie, ich hätte fast die Dissertation nicht verteidigen können. Doch Bauminister Junker entschied: Wenn eine Dissertation unsere Bauindustrie zu Fall bringen kann, stimmt mit unserer Bauindustrie etwas nicht.

Fanden die Vorschläge Eingang in die Praxis?

Nein. Man hatte gerade zehn Betonfertigteilwerke zur Plattenproduktion aus der Sowjetunion gekauft, um die Wohnungsfrage zu lösen. Damit war die Richtung festgelegt.

Haben Sie die DDR als totale Kommandowirtschaft empfunden?

Nein. In den Betrieben ging es teilweise ganz locker zu, mit vielen ganz offenen Diskussionen. Auch mit Konkurrenzkämpfen – wie im Falle der Fernsehturmumbauung. Da wurden mit dem Konzeptwechsel etliche Anpassungen notwendig – die Leitungen für den Kreisring lagen ja schon im Boden. Und der Termin der Turmeröffnung zum 20. Jahrestag der DDR 1969 musste gehalten werden. Zumindest das Eingangsbauwerk war fertig, und die DDR-Politprominenz konnte nach oben fahren. Die Fußbebauung wurde im April 1972 eröffnet.

Wie viel hat sich die DDR das kosten lassen?

Für die Fußbebauung waren 25 Millionen Mark der DDR geplant, sie kostete dann 30 Millionen. Der Fernsehturm selbst, samt Kugel und Technik, kostete eine Milliarde DDR-Mark.

fernsehturm am alexanderplatz: wie dem berliner wahrzeichen gezielt die flügel gestutzt wurden

Die Verwahrlosung ist unübersehbar. An dieser Stelle hatte Rolf Heider ursprünglich Treppen vorgesehen. Das missfiel Politbüro-Mitglied Paul Verner. Die Stützen aber mussten aus statischen Gründen sein.

Wie wehren Sie sich gegen die heutigen Zumutungen?

Zentral war eine 50-seitige Studie, die 2014 den Wert des Gesamtensembles bis zur Spree beschrieb. Die Studie diente als Ausgangspunkt für die zwei Jahre laufende Bürgerdebatte „Alte Mitte, neue Liebe“. Die ergab, dass 70 Prozent der Bürger für den Erhalt der offenen Mitte waren. Das führte zu einem entsprechenden Senatsbeschluss und zu einem Gestaltungswettbewerb von Landschaftsarchitekten. Die Haltung der neuen Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt lässt die Vermutung aufkommen, dass sie den Siegerentwurf nicht umsetzen will.

Gibt es Ideen, die schwebenden Spitzen wieder sichtbar zu machen?

Ja, man könnte zum Beispiel den Bereich um die Spitzen absenken. Dann wäre der Witz der Konstruktion wieder erkennbar.

Wie geht es weiter?

Der Schweizer Eigentümer der Turmumbauungen hat ein West-Berliner Architekturbüro beauftragt, eine Studie zu erarbeiten, wie diese Misere hier abgestellt werden kann und wie wieder ein Ort der Kultur entstehen könnte. Da gibt es viele Übereinstimmungen mit den Überlegungen von mir und Walter Herzog. Die neuerliche Ausrufung eines Wettbewerbs für den Zentrumsbereich einschließlich Molkenmarkt stellt das wieder infrage. Alles ist offen.

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