«Die Augen voller Tränen» – die 65. Brigade kämpft an der Südfront

Der Optimismus, als die russischen Truppen im August aus Robotnye vertrieben wurden, ist verflogen. 20 Minuten besuchte die 65. Brigade, die auch gegen Mäuse und Minustemperaturen kämpfen muss.

Der Wagen schlingert auf dem matschigen Feldweg. Die Schlammzeit hat eingesetzt, «Beschdorischschia» auf Ukrainisch.

«Man kann leicht die Kontrolle verlieren, weil wir wegen der Drohnen schnell fahren müssen», sagt «Poltava», der stellvertretende Bataillonskommandant. «Dann besteht die Gefahr, dass man im Feld landet, das voller Minen ist.»

Minenräumung ist hier noch lange nicht möglich. Das Gebiet ist noch heftig umkämpft, das Wummern von aus- und eingehender Artillerie gehört hier zur Geräuschkulisse wie der Verkehrslärm einer Grossstadt.

Verfehlter Optimismus – «Surowikin-Linie» hält

«die augen voller tränen» – die 65. brigade kämpft an der südfront

undefined

Wir sind unterwegs mit Soldaten des 1. Battalions der 65. Brigade. Diese hatte im August den Angriff auf Robotyne angeführt – was als strategischer Durchbruch in der ukrainischen Gegenoffensive gefeiert wurde. Indes verführt.

Robotyne ist bis heute nicht vollständig unter ukrainischer Kontrolle. Und auch wenn die ukrainische Armee einige Stellen der ersten russischen Verteidigungslinien durchbrochen hat: Die «Surowikin-Linie», benannt nach General Sergej Surowikin, der zum Zeitpunkt ihres Aufbaus die russischen Streitkräfte in der Ukraine befehligte, hält.

«Der Schneematsch ist ekelhaft»

Am Vortag hätten wir nicht hierherkommen können. Das Wetter war zu klar, der Himmel voller russischer Späh- und Kamikazedrohnen. Sie machen Jagd auf alles, das sich am Boden bewegt. Aber jetzt ist es bedeckt, eine Drohne der Einheit begleitet uns und hat die Bewegungen des Feindes im Blick.

Es herrschen feuchte Minustemperaturen und Schneeregen. «Der Schneematsch ist sehr unangenehm, ekelhaft», sagt ein Soldat mit Rufname «Wolf». «Wenn dieses Wetter einsetzt, ist es am schlimmsten. Dann vergeht ein Tag, wir finden unseren Rhythmus wieder, und wir achten einfach nicht mehr darauf.»

Stopp an einem Unterstand am Waldrand. Dahinter zieht sich ein verästelter Schützengraben. Einige Soldaten trinken dampfenden Tee.

Besser Gas- statt Holzöfen

Sie schlafen in einem Erdloch von knapp zehn ausgehobenen Quadratmetern. Es gibt drei Holzbetten, auf einem schläft ein schwarz-weisser Kater. Gewehre und Schutzausrüstung lehnen an den grob verkleideten Erdwänden.

«Wolf» stellt einen kleinen Heizstrahler an: «Die gusseisernen Holzöfen würden unsere Position mit dem Rauch verraten. Wir benutzen Gasbrenner.»

Katastrophale Mäuseplage 

«die augen voller tränen» – die 65. brigade kämpft an der südfront

Dieser Kater hilft, wenn er nicht schläft, im Kampf gegen die Mäuse.

Nicht nur die Männer und der Kater leben hier aufeinander. «Schon letzten Winter gab es Mäuse», seufzt «Wolf». «Aber in diesem Winter haben wir damit nicht nur ein Problem, sondern eine Katastrophe! Es sind über 20 Mäuse pro Nacht, die Klebefallen sind voll mit ihnen – und das sind nur die, die erwischt wurden. Gestern liefen mir im Bett die Mäuse über den Kopf.»

Es fiept wirklich in allen Ecken, gefangene Mäuse winden sich im Todeskampf. Den dösenden Kater interessiert es nicht. Er sei im Kampf gegen die Mäuse aber auch eine Hilfe, versichert «Wolf» und streichelt das Tier liebevoll.

Infanteristen müssen sich wie Aufklärer verhalten

«die augen voller tränen» – die 65. brigade kämpft an der südfront

«Egal, was wir tun, sie jagen uns sofort»: Ãœberreste einer abgeschossenen russischen Kamikazedrohne.

Mehr Tee, die Stimmung erscheint gelöst und ist es doch nicht. «Wir sind ein Zug mit Flugabwehrraketen», so ein Soldat mit Rufname «Burshtin» («Bernstein»). «Doch fehlen uns Flugabwehrwaffen wie etwa die amerikanischen Stingers oder die französischen Mistrals, die wir bei der Ausbildung benutzt haben.»

Das weitaus grössere Problem als die fehlenden Waffen sind die russischen Kamikazedrohen. «Mittlerweile führen sie gezielte Schläge mit Drohnen aus», sagt ein Soldat mit Rufname «Fuchs». «Denn warum sollten sie wertvolle Munition nutzen, wenn sie billige Kamikaze-Drohnen in den Unterstand fliegen lassen können und das gleiche Ergebnis erzielen?»

Entsprechend müssten sich Infanteristen immer mehr wie Aufklärer verhalten und möglichst unentdeckt bleiben. In dem flachen Gebiet ist das allerdings praktisch unmöglich. «Egal, was wir tun, sie jagen uns sofort.» Immer häufiger würden Drohnen mit Nachtsichtgeräten ausgestattet, sodass auch die Dunkelheit keine Deckung bietet.

Tiktok als Problem

Die Russen lernten zudem schnell. Das gelte zwar auch für die Ukrainer, aber: «Wir haben viele Erfinder, die coole Dinge erschaffen», so «Fuchs». «Nur posten sie das dann auf TikTok, um zu zeigen, wie toll sie sind. Das sehen die Russen natürlich, bauen es nach und das wars – ein oder zwei Monate später zerstört es uns. Das ist ein echtes Problem.»

Man ist sich einig: Die Einheiten brauchen Artillerie-Munition ebenso nötig wie Anti-Drohnengewehre, um weiter bestehen zu können.

Frustration wegen der eigenen Landsleute

Der Mangel an Munition und Gerätschaft ist das eine, der Mangel an Personal das andere, das die Soldaten beschäftigt. Hier merkt man schmerzlich, dass die Zeit der langen Schlangen vor den ukrainischen Rekrutierungsbüros vorbei ist und die Mobilisierung neuer Soldaten nun vor allem per Dienstbefehl erfolgt.

Verächtlich wird von «denen an der Heimatfront» gesprochen, die tiefgründig über den Krieg redeten und von den Politikern, die sich «in den Städten mehr um Pflastersteine kümmern als um Drohnen, die einfach nicht ausreichen».

«Zu Kriegsanfang wollte jeder das Land verteidigen. Alle unterstützten sich. Jetzt ist alles anders», so «Fuchs», dessen Vater und Bruder ebenfalls in der 65. Brigade kämpfen. «Wir haben hier Granateneinschläge, Bomben, man friert, es gibt Mäuse und all das Zeug. Und dann gibt es solche, die posten Fotos: ‹Wir gehen jetzt in ein Restaurant, wir sind jetzt hier, wir tun dies, wir ruhen uns jetzt dort aus› – als ob es keinen Krieg gäbe.»

Düster fügt er an: «Doch der Krieg kann zu diesen Menschen kommen, wenn es so weiter geht. Das ist leider die Wahrheit. Es sollte der Krieg aller sein, nicht nur der Männer, die in den Schützengräben sind.»

«Erst später sind die Augen voller Tränen»

«die augen voller tränen» – die 65. brigade kämpft an der südfront

«Das Gehirn begreift irgendwie später, dass es auch anders sein könnte, viel schlimmer.»

Es beeindruckt, wenn der junge Soldat von Situationen spricht, in denen er nur knapp mit dem Leben davongekommen ist. Etwa wie seine Truppe bei einer Evakuierung die Bahre mit einem Verletzten und sich selbst zu Boden werfen mussten, weil sie aus nächster Nähe von Mörsern und Raketen beschossen wurden.

Oder wie sie aus der Luft gejagt wurden und die Drohne einen Sprengsatz abwarf, der dann aber nicht explodierte. «Der Herr beschützt uns, wirklich, nur der Herr beschützt uns», sagt er. «Ob es nun Skeptiker gibt oder nicht – wir beten gemeinsam, sogar vor einer Operation, wir bitten Gott um Hilfe, und das hilft.»

Im Kampf denke man nicht drüber nach: «Da hast du keine Angst, da hast du einfach ein Ziel, da musst du hin und das musst du tun. Erst später sind die Augen voller Tränen, weil wir so sehr beschützt wurden. Ich meine, das Gehirn begreift irgendwie später, dass es auch anders sein könnte, viel schlimmer.»

News Related

OTHER NEWS

Live-Panne bei „The Masked Singer“: Kandidat versehentlich enttarnt

Der Kiwi ist ein Teilnehmer von „The Masked Singer“ – doch bei seiner Performance am 26. November 2023 ging etwas schief. Die Maske verrutschte und der Promi darunter wurde enttarnt. ... Read more »

Fünf Tote nach Unwetter in Region Odessa - Die Nacht im Überblick

Infolge eines schweren Unwetters sind in der südukrainischen Region Odessa mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen. Weitere 19 Anwohner seien durch den Sturm verletzt worden, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr ... Read more »

Die Verkäuferin, die den Dieb in die Flucht trieb

Ein Räuber versuchte sein Glück in einer Bäckerei, nicht ahnend, dass er leer ausgehen würde. Die Verkäuferin trieb den Täter nämlich mit einem lauten Schrei in die Flucht. Nun hat die ... Read more »

In Beaver Creek begann die «Odi-Mania»: Odermatt hat sogar King Roger den Rang abgelaufen

Vier Jahre nach seinem ersten grossen Triumph in Beaver Creek hat Marco Odermatt als Skirennfahrer alles gewonnen. Und gemäss einer Studie hat der Buochser im letzten Frühling sogar «King» Roger ... Read more »

Die Katze von Taylor Swift ist das drittreichste Haustier der Welt mit einem Vermögen von 474 Millionen R$.

Veröffentlichung Olivia Benson, die Katze von Taylor Swift, hat nicht nur das Herz der Sängerin erobert, sondern zeichnet sich auch als eines der reichsten Haustiere der Welt aus, mit einem ... Read more »

Kurz zuvor sagte er noch «Ja, ich will»: Bräutigam erschiesst an Hochzeit Braut und drei Gäste

Bei einer Hochzeit in Thailand werden die Braut und drei Gäste erschossen. Der Täter: Bräutigam Chatorung S. Er richtete sich nach dem Blutbad selbst. Bräutigam erschiesst an Hochzeit Braut und ... Read more »

Bundesratswahl am 13. Dezember: FDP fürchtet Geheimplan gegen Cassis

Die FDP befürchtet bei den Bundesratswahlen ein politisches Manöver gegen ihren Magistraten Ignazio Cassis. Dabei würde der Partei ein Bundesratssitz weggenommen und dafür der Kanzlerposten zugeschanzt. FDP fürchtet Geheimplan gegen ... Read more »
Top List in the World